Die Wende (1)
Wie die Dinge ihren Lauf nahmen

Copyright by Jan-Geert Lukner

Nun ist sie zehn Jahre her, die Wende. Vergessen sind weitestgehend die euphorischen Bilder und der Jubeltaumel. Erschreckend groß ist der Teil der Deutschen, der gar den Wiederaufbau der Mauer fordert. All zu groß sind -gerade im Osten- die Probleme geworden. Es gibt Wessis, die noch nie im Osten waren und im Osten laufen auch anno 1999 noch Gestalten rum, an denen die Wende offenbar spurlos vorübergegangen ist. Anlässlich des zehnten Jahrestages der Wende möchte ich an dieser Stelle berichten, wie ich die Wende erlebt -zum Teil aber auch verpennt- habe. Nie vergessen werde ich die überfüllten Sonderzüge, die von Mecklenburg nach Hamburg kamen, und meine ersten Schritte im Osten, nachdem jahrelang die Welt für mich 30 km östlich meines Wohnortes Hamburg-Bergedorf endete.

Donnerstag, 19. Oktober 1989: Der Schrankenposten Reecke

Es waren gerade Herbstferien und ich hatte mir eine Tourenkarte für Schleswig-Holstein gekauft. Daher war ich eigentlich an den vorhergehenden Tagen mehr damit beschäftigt, mich an irgendwelchen Fotomotiven im nördlichsten Bundesland einregnen zu lassen, als dass ich in den Medien verfolgt hätte, was auf den Straßen von Leipzig und anderen ostdeutschen Städten abging. Entsprechend überrascht war ich am Vortag, dem 18.10., gewesen, als Erich Honnecker, der greise Herrscher des Ostens, von Egon Krenz gestürzt worden war. Egon Krenz versprach nun ein Reisegesetz, das den "Brüdern und Schwestern" jenseits des Zaunes zwar etwas mehr Freiheit geben sollte, das die Geschehnisse, die da kommen sollten, jedoch noch nicht erahnen ließ. Entsprechend kümmerte ich mich weiter um meine Tourenkarte. Heute stand der Schrankenposten von Reecke zwischen Reinfeld und Lübeck-Niendorf auf dem Programm. Auf dem Hinweg bekam ich in Lübeck die Ankunft des Schnellzuges aus Güstrow mit. Die 132 konnte ich schön fotografieren. Habe ich es damals für möglich gehalten, dass nur wenige Jahre später diese Baureihe die meisten Züge auf der Vogelfluglinie bespannen würde? Dass diese Loks bis Hamburg kommen würden? Wohl kaum. Der Schrankenwärter in Reecke schilderte mir das "Problem", dass die aus Richtung Osten kommenden zwei Züge bei ihm im Kollegenkreis "Honni" hießen. Doch nun müssten sie sich einen neuen Namen suchen. Ob er es damals für möglich gehalten hat, dass einen Monat später die "Honni"-Züge morgens im Halbstundenabstand von Mecklenburg nach Lübeck gelangen würden? Wohl kaum. An den folgenden Tagen spitzte sich weitestgehend unbemerkt von mir die Lage in der DDR immer weiter zu. Am 04.November hat die Zahl der Demo-Teilnehmer in Ost-Berlin die 1 Mio-Marke erreicht. Man ist mit dem neuen Reisegesetz nicht zufrieden. Schabowski gibt noch immer Statements in alter DDR-Manier ab: "Vorwärts im festen Bund mit unseren sowjetischen Freunden".

Am 05.November trafen die ersten Sonderzüge aus Prag in der Bundesrepublik ein. Die Bilder der langen Züge, aus denen die jubelnden Menschen in Trauben aus den Fenstern hingen, jagen mir auch heute noch Schauder den Rücken hinunter. Dennoch begann ich nicht zu realisieren, welches geschichtliche Ereignis uns bevorstand. Nur in üblichem Maße verfolgte ich die Berichterstattungen.

Wochenende 10.-12. November 1989: Trier

Am Abend des 09. Novembers hatte ich damit zu tun, meine Klamotten für die bevorstehende Wochenendfahrt unserer Schul-Tutandengruppe nach Trier zu packen. Ausgerechnet nach Trier! Möglichst weit weg von der Grenze, an der am Vorabend Geschichte geschrieben wurde... Erst viel später habe ich im Fernsehen Berichte gesehen, wie das Schicksal am 09. November seinen Lauf genommen hatte: Eine verunsicherte SED-Führung, ein stotternder Günter Schabowski, der auf der abendlichen Pressekonferenz die falsche Antwort an der richtigen Stelle gegeben hatte, die daraufhin zur Grenze strömenden Bürger und die Grenzposten, die friedlich blieben und die Menschen ohne Anordnung passieren ließen. Wir jedoch genossen in Trier den guten Wein, kämpften mit den Folgen am nächsten Tag (gut, ich hab' zwischendurch noch die eine oder andere 184 "erlegt") und bemerkten eigentlich erst auf der Rückfahrt an den vielen Trabbis auf der Autobahn, dass da etwas besonderes passiert war.

Die DDR-Führung zerbrach bald darauf und am 13.11. wurde Hans Modrow zum neuen Ministerpräsidenten der DDR gewählt. In diesen Tagen drückte ich wieder fleißig die Schulbank. Erst am darauffolgenden Wochenende hatte auch ich gerafft, dass man an diesem geschichtlichen Ereignis mal teilhaben sollte. Also: Auf in Richtung Grenze! Hinüber durften wir Wessis ja noch immer nicht.

Samstag, 18. November 1989: Lauenburg

Lauenburg war der einzige für mich mit der HVV-Schülerkarte kostenlos erreichbare Punkt an der Grenze. Somit stand das heutige Ziel fest. Interessant wurde es allerdings schon auf der Hinfahrt. In Nettelnburg stieg ich in die S-Bahn, die daraufhin mit voller Geschwindigkeit nach Bergedorf fuhr. Das war ungewöhnlich, da bei planmäßiger Einfahrt nach Gleis 3 Langsamfahrt angesagt gewesen wäre. Wir fuhren also nach Gleis 2 ein. In Gleis 3 stand eine S-Bahn. Das war auch ungewöhnlich. Und dann gingen mir die Augen über. Nach Gleis 4 fuhr ein von einer roten 218 gezogener Zug mit mir bis dahin unbekannten Wagen ein. Es handelte sich um 16 sechzehn (!) Bghw-Wagen! Die Türen gingen auf und plötzlich wimmelte der Bahnsteig von ungewöhnlich gekleideten Menschen mit karierten Stoffbeuteln in den Händen. Aus dem Lautsprecher tönte die Stimme des Bahnhofsleiters (mein späterer Chef...), der die Reisenden herzlich in Bergedorf Willkommen hieß und als Anschluß nach Hamburg auf die gegenüber in Gleis 3 stehende S-Bahn hinwies. Die vielen Menschen schauten sich irritiert oder einfach nur neugierig um. Einige stellten fest, dass es rund um den Bergedorfer Bahnhof auch schon einiges zu entdecken gab. Ich wurde gefragt, wann denn die nächsten Fahrgelegenheiten weiter nach Hamburg bestehen würden und ob es denn in Bergedorf gute Einkaufsmöglichkeiten gäbe. Mein erster Kontakt mit Ossis... Später erfuhr ich, dass der Zug aus Hagenow kam, und zwar ziemlich überraschend. Die Betriebsleitung in Hamburg hatte einen Anruf vom Fahrdienstleiter Büchen bekommen, dass die Reichsbahn einen Sonderzug nach Hamburg schicken würde, der bereits in Schwanheide stand. Natürlich hatte die Bundesbahn diesen Zug nicht weigern können, auch wenn er völlig improvisiert auf die Beine gestellt worden war. Mangels Platz im Hamburger Hbf wendete der Zug bereits in Bergedorf.

Ich quetschte mich in die völlig überfüllte S-Bahn in Gleis 3 und fuhr mit ihr zurück nach Nettelnburg, um den Sonderzug bei der Einfahrt in den dortigen Güterbahnhof zu fotografieren, wo die Lok dann umsetzte. Die Mecklenburger waren begeistert von den sich zischend öffnenden Türen, die ausgiebig ausprobiert wurden, und von der schnellen Beschleunigung der S-Bahn. Das hörte ich als Hamburger natürlich gern. Schließlich ist man ja etwas stolz auf seine Umgebung...

Nachdem in Bergedorf so viel los war, interessierte mich natürlich, was in Hamburg so passierte. Daher fuhr ich mit der nächsten S-Bahn nach Hamburg weiter. Den Hauptbahnhof erreichte ich rechtzeitig, um die Ankunft eines Sonderzuges aus Rostock (über Lübeck) beobachten zu können. Auf dem Bahnsteig standen zig Leute mit Namensschildern in den Händen. Sie erwarteten offenbar Angehörige, die sie etwas länger nicht mehr gesehen hatten... Auch Fernsehteams waren vor Ort. Als der Zug hielt, wieder diese Menschen in ihren Plastejacken und Stonewashed Jeans.

Der Zug war brechend voll gewesen. Er bestand aus Bmh-Wagen der DR und Bm-Wagen der DB. Anders als in Bergedorf, wo natürlich keine "Empfangskommitees" standen, lagen sich hier die ersten Menschen in den Armen. Bei den einen flossen Tränen, andere machten sich auf, das Begrüßungsgeld abzuholen und sich dem Konsumrausch hinzugeben.

Nun endlich ging es nach Lauenburg (wie auch immer; wahrscheinlich mit dem Schnellbus, ich habe über Fahrten innerhalb des HVV nie Tagebuch geführt). In Lauenburg schauten wir als erstes in Richtung Grenzübergang. Die ganze Stadt war voll von Trabbis, Ladas usw. Bei strahlend blauem Himmel machten wir (jetzt war auch mein Schulfreund Lorenz mit von der Partie; keine Ahnung, wo wir uns getroffen hatten) Aufnahmen an der B5 und am Elbe-Lübeck-Kanal. Die Leute in den Autos grüßten und hupten allen anderen am Straßenrand zu. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Die Triebwagen auf der Strecke Lübeck - Lüneburg bestanden heute aus zwei Einheiten. Die sonst zweimal täglich bediente Buslinie 27 von Lauenburg nach Horst, die bisher für mich eher etwas gespenstisches hatte (sie führte immerhin hinter das Ende der erreichbaren Welt), war auf einen Stundentakt verdichtet worden. Auf dem Lauenburger ZOB warteten wahre Menschenmengen auf die Rückreise in das benachbarte Boizenburg. Abends suchten wir dann nochmal den Hamburger Hauptbahnhof auf. Es standen Züge in Richtung Schwerin und Rostock auf dem Programm. Ich habe die Bahnsteige wohl noch nie so voll gesehen. Dicht gedrängt standen die Menschen zwischen den zwei Bahnsteigkanten des Mittelbahnsteigs. Nun waren sie schwer bepackt. Kinder probierten ihre neuen Walkmen aus, Erwachsene hatten sich mit größeren technischen Geräten oder Kleidung eingedeckt. Bei Bereitstellung der Züge chaotische Szenen. Einige Leute hoben sich gegenseitig durch die Fenster in die Züge. Ein langer Tag für die DDR-Bürger, aber auch für uns, ging zuende.

Wochenende 24.-26. November: Hamburg

Wir hatten gehofft, dass wir vielleicht auch schon vor Weihnachten in die DDR fahren dürften. Doch es hieß, dass daraus vor dem 1.1. nichts werden würde. So versuchten wir (meist war Lorenz mit von der Partie), in Hamburg weitere Eindrücke zu sammeln. Für die zusätzlichen Züge nahm die Bundesbahn Wagen in Betrieb, deren Abstellung eigentlich gerade vollendet sein sollte. Die Rede ist von Byl/AByl- und Byg/AByg/BDyg-Wagen.
Die meisten der neuen Züge gelangten über Lübeck nach Hamburg. Über Büchen wurden lediglich zwei Zugpaare neu eingerichtet: Ein Nachtzugpaar von/nach Dresden (welches in den Folgejahren mein "Stammzug" für Touren in Sachsen / Thüringen wurde) und ein Schnellzug, der nachmittags nach Berlin-Lichtenberg (über Potsdam) fuhr, dort kurz vor Mitternacht ankam und kurz nach Mitternacht die Rückreise antrat. Um 6.24 Uhr war der Zug dann wieder in Hamburg. Die Wagenreihung des "Lichtenberger"s, wie wir ihn nannten, variierte stark. Mal waren es nur DB-Abteilwagen, dann mal nur Silberlinge mit einem Bm in der Mitte. Gelegentlich bestand das 1.Klasse-Kontingent aus einem AByg... Auch der Sonderzug von Hagenow nach Hamburg-Bergedorf verkehrte am 25.11. erneut, war allerdings nicht mehr ganz so lang und bestand aus Bmh-Wagen. Es war ein Handzettel mit den zusätzlichen Zugverbindungen herausgegeben worden. Ab wann er genau gültig war, kann ich leider nicht mehr nachvollziehen. Drauf stand nur: "Gültig bis 1.1.90". Hamburg hatte einiges für die DDR-Bürger auf die Beine gestellt. Das Hamburger Abendblatt verteilte kostenlose Sonderausgaben über alles Wissenswerte zu Hamburg und seiner Infrastruktur. Es wurden Festzelte aufgestellt; es wurde gefeiert.
Fortsetzung

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