Der unsichtbare Berg - Sizilien November 2016

Autor: Jan-Geert Lukner. Alle Rechte am Text und an den Bildern liegen beim Autor.

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Fünf Jahre ist es schon wieder her, dass ich zusammen mit den Schweizern nach einer DSO Auslandsforum Ausfahrt mitten im November noch paar Tage im Süden geblieben bin. Wir hatten damals einige phantastische Herbsttage mit leuchtendem Laub an der Koperrampe und bei Rijeka verbracht. Man will als Mitteleuropäer gar nicht wahrhaben, dass in Südeuropa auf Küstenhöhe der Herbst wirklich erst im November Einzug hält. Bei drauffolgenden Auslandsforum Touren hatte ich immer wieder etwas wehmütig an diese schöne Fortsetzung der Fahrt gedacht. Dieses Jahr sollte es dann direkt mal wieder paar Bonustage geben. An einem Ziel, von dem wir uns wettertechnisch um diese Jahreszeit noch einigermaßen Stabilität erhofften.

Freitag, 11.11.2016

Zunächst einmal war aber die sechste Ausfahrt der Truppe aus dem Auslandsforum angesagt. Festgesetzter Treffpunkt war am heutigen Freitagabend Usti an der Elbe. Leider fuhr der Metropol heute erst ab dort bzw ab Decin. Yannick und ich verabredeten uns, zur Hinfahrt nicht die direkten Züge zu nutzen, sondern ab Leipzig über paar kleinere Strecken zu fahren. Die Tatsache, dass man mittlerweile von Hamburg mit dem ICE über Berlin in gut drei Stunden nach Leipzig kommt, bescherte mir einen noch einigermaßen entspannten Tagesbeginn. Und glücklicherweise hatte ich etwas Reserve eingeplant, denn der erste Anschluss auf der langen Fahrt von meinem Wilstorfer Hügel bis kurz vor Afrika klappte schon mal nicht. Es handelte sich zum Glück nur um den Anschluss vom Bus zur S-Bahn. Die in meinem September Reisebericht beschriebene Einspurigkeit der Harburger Umgehungsautobahn gab es selbstverständlich auch jetzt im November noch. Und sie legte wiederum den Verkehr in der ganzen Stadt lahm. Aber mit dem Metronom klappte noch alles bestens...

ME 81910 Hamburg-Harburg 8.09+5 - Hamburg Hbf 8.20+5

ICE 1509 Hamburg Hbf 8.36 - Leipzig Hbf 11.43

Versorgt mit leckeren Käse-Schinken-Croissants von LeCroBag fand ich in dem gut ausreservierten Zug noch einen schönen Fensterplatz in einer Dreiersitzgruppe ohne direktes Gegenüber. Die Fahrt startete mit einem wunderschönen Kontrastprogramm zu unserem geplanten Reiseziel. Während ich meine Croissants mümmelte und den Kaffee schlürfte, konnte ich draußen ein wunderschönes Winterwonderland an mir vorüberziehen lassen. So muss Reisen sein!


In der Gegend zwischen Boizenburg und Brahlstorf wurde es richtig weiß auf den Feldern!


Fotografiert durch die ICE-Tür bei 230 km/h...

Im Lande Brandenburg ging es allerdings direkt in den Hochnebel hinein. Und hier lag dann auch kein Schnee mehr. Dafür gab es dann noch den zweiten Teil von Nils Italien Reisebericht. Nicht dass heute Abend das Gespräch auf den Reisebericht kommt und ich gestehen müsste, den neuesten Teil nicht gelesen zu haben. Oh Mann, das wäre vielleicht peinlich. Nee, die Blöße gebe ich mir nicht. ;-)

Hinter Hamburg war den Fahrgästen eröffnet worden, dass die falsch gedrehte hintere 411-Einheit nur bis Berlin Hbf führe. Zum Glück war ich eher zufällig in der vorderen gelandet. Das Aussetzen des hinteren 411 in Berlin hinderte die Zugzielanzeiger in LuWi und Bitterfeld allerdings nicht, darauf hinzuweisen, dass die zweite Einheit falschrum stände. Man denkt sich ja schon nichts mehr dabei. Bemerkenswert und ehrlich gesagt etwas unerwartet kam allerdings, dass wir auf der gesamten Fahrt von konstanter Pünktlichkeit geprägt waren. Schick! Na ja, und dass nur ein Klo dauerhaft abgeschlossen war, fand ich auch nett. In dem anderen konnte man noch seinen Kaffee lassen, wenn auch ohne Klospülung und fließend Wasser...

Yannick erwartete mich am Bahnsteigende. Er hatte schon das Sachsenticket gezogen, und gemeinsam enterten wir die Erfurter Bahn nach Gera, bestehend aus zwei 650ern.

EB 80849 Leipzig Hbf 11.56 - Gera Hbf 12.58

Die Gegend, in die wir jetzt kommen würden, habe ich zuletzt bereist, als hier als Personenzüge 219er mit modernisierten Halberstädtern unterwegs waren. Erinnerungen wurden wach an manch eine bereiste Nebenbahn, die heute Geschichte ist. Von unserer Route zweigten viele solcher Strecken ab: Pegau - Neukieritzsch, Zeitz - Osterfeld, Crossen - Eisenberg..., um mal einige Beispiele zu nennen. Erfreulich aus Fotografensicht ist die noch vorhandene Alt-Signaltechnik in Zeitz.

VBG 81085 Gera Hbf 13.06 - Weischlitz 14.24

Ein einzelnes Wägelchen, ein 650, stand für uns bereit. Das Dingen mit seiner Dreierbestuhlung plus Klappsitze in Längsrichtung war schon gut voll. Wir mussten uns zunächst mit Klappsitzen begnügen. Von denen hatten wir allerdings ganz gute Aussicht. Die Strecke tauchte bald ins eng eingeschnittene Elstertal ein. Landschaftlich einwandfrei ging es bei trübem Novemberwetter immer wieder durch leichten Nebel. Man muss mal die Schwärmerei für Nostalgisches beiseite legen. Früher im Bghw Wagen wäre man bei dieser Witterung mit Handtüchern aus dem Klo ständig am Wischen der beschlagenen Scheibe gewesen...

In Greiz wurde unser eigener Zug als Anschluss durchgesagt. Erst dachten wir schon, wir müssten außerplanmäßig umsteigen, aber die anderen Fahrgäste blieben tiefenentspannt. Das muss wohl bei der Vogtlandbahn, die anscheinend jetzt "Länderbahn" heißt, normal sein. Später im nächsten Zug hatten wir das vor Adorf auch nochmal. Rentzschmühle, Barthmühle, wie lange ist das her, dass man hier 219er fotografiert hat? Immerhin sah der Bf Barthmühle immer noch sehr hübsch aus. Ab Wünschendorf waren die Bahnhöfe noch örtlich besetzt und mit Alttechnik. Vor Plauen unterer Bf mussten wir ca 5-10 Min vor der Einfahrt warten. Ich dachte schon, wir würden mit einem Umleitergüterzug kreuzen, aber dann ging es doch zügig durch den mittlerweile als Verkehrshalt aufgelassenen Bahnhof. Ja doch, in Plauen wird schon noch gehalten, aber nur am neuen Hp Plauen Mitte.

Bald fuhr man das letzte Stück parallel zur Hauptstrecke aus Richtung Plauen oberer Bf. Hier standen trotz des trüben Wetters überall Fotografen, die auf irgendwas warteten. Im Hafas war ein ALX Sonderzug verzeichnet, der gleich kommen sollte und der auch an den DSA angeschlagen war, aber den bekamen wir nicht zu sehen. Im Nachhinein war das auch kein Wunder... Die Fotografen waren wegen der Umleitergüterzüge hier. Im Gegensatz zur Elstertalbahn gab es hier auf der Hauptstrecke momentan wirklich welche, denn das Elbtal war baubedingt gesperrt. In Weischlitz beschäftigten wir uns erstmal mit den SEV Aushängen, die schwer zu verstehen waren, weil nur die Busse dargestellt waren, nicht aber die zu ersetzenden Züge oder die noch fahrenden Züge.

Der Grund für den SEV waren die Umleitergüterzüge. Unser Zug schien aber zu fahren. Für den Zug nach Plauen hat Blechelse durchgesagt, der führe heute aus Gleis. Nein, ich habe jetzt keine Zahl vergessen, auch an der DSA stand nur "Gleis" ohne Nummer. Der wahre Kenner muss halt wissen, dass der Bahnhofsvorplatz mit der SEV Haltestelle keine Gleisangabe hat, ist doch wohl völlig logisch. Der Fdl hätte wohl gern eine Durchsage gemacht, aber in der Regel hat das DB Netz Personal ja gar keine Zugriffsmöglichkeit mehr auf die Lautsprecher. Aber sowohl Fdl als auch SEV Busfahrer kamen persönlich auf den Bahnsteig und fragten, ob jemand nach Plauen wolle.

Damit war dann auch das Rätsel des ALX Sonderzuges geklärt; da hat wohl jemand von Netinera bei der Bestellung des SEV Alex-Briefpapier verwendet: Youtube.

Der Fdl hatte allerdings auch dienstlich auf dem Bahnsteig zu tun. Sein Befehlsschrank stand dort nämlich. Von dem aus gab er die Aufträge ("Befehle") an die Weichenwärter an den beiden Ausfahrtstellwerken. Diese alte sächsische Signaltechnik fanden wir schon recht faszinierend.


Der Befehlsschrank in Weischlitz. Sächsische Stellwerkstechnik im 21. Jahrhundert!

VBG 20977 Weischlitz 14.41 - Cheb 15.54

Erst bekamen wir keinen Güterzug zu sehen. Was vielleicht auch gesünder war, denn die Strecke war erstmal eingleisig. Fast wollten wir die gesehenen Fotografen schon ein wenig bedauern. Doch vor Adorf ging die Show dann los. Uns kam der erste Güterzug entgegen, mit Ludmilla. In Adorf standen zwei Güterzüge der ITL in unsere Richtung. In Bad Brambach stand ein Güterzug der Gegenrichtung mit Ludmilla-Doppel, wobei die Loks gerade dabei waren, einen Wagen auszusetzen. Glücklicherweise war hier die Infrastruktur noch nicht so gerupft, Platz für solche Manöver war vorhanden. In Vojtanov standen weitere Güterzüge und unten in Cheb waren ebenfalls Güterzüge mit Ludmillen bespannt.

Die Strecke führte uns bei Bad Brambach stark gewunden in Höhenlagen, in denen schon wieder Schnee lag. Auch wenn der Kamm hier, wo Erzgebirge, Schiefergebirge und Fichtelgebirge zusammentreffen, nicht mehr ganz so ausgeprägt erscheint wie der Erzgebirgskamm bei den weiter östlich gelegenen Bahnpässen, ist die Strecke doch landschaftlich richtig nett. Und so richtig trennen kann sich die Bahnlinie nicht von Deutschland. Ganze sieben Mal wird rund um Bad Brambach und später bis Vojtanov die Grenze gequert. Mal sieht man deutsche BÜ-Signale, dann wieder tschechische. Es war ganz spannend, das auf der OSMAND Kartenapp zu verfolgen. Nachdem unser Einzel 650 erst stark besetzt gewesen war, fuhren wir über die Grenze nur noch zu dritt.

Einen fatalen Fehler machten wir im Zulauf auf Bad Brambach. Da wir ja nun mit einer Privatbahn noch ein Stück durch Tschechien fahren mussten, wo das Sachsenticket natürlich nicht mehr galt, lösten wir Einzelkarten Bad Brambach - Cheb beim mitreisenden Betreuer der Länderbahn. Tja, dann dauerte es nicht mehr lange und es kam die Ansage, dass "Ceské Dráhy" die Reisenden im Zug willkommen heißt. Auch später in Cheb wurde der bald zurückfahrende Zug ausdrücklich als "Ceské Dráhy" Zug angekündigt. Hmmm, für die hätten wir doch unsere Netzkarten gehabt. Tja, Pech gehabt, die 3,80 waren gerade noch verschmerzbar...

Der Zug der Länderbahn ist mittlerweile zu einem Zug der tschechischen Staatsbahn mutiert und Durchsagen kommen zweisprachig. Ich finde die Betonung des deutschen Teils ganz niedlich: Youtube.

Yannick hatte dabei dann auch nur 1,90 in den Sand gesetzt. Das stellte er allerdings erst in Cheb fest, wo er verzweifelt den Fahrschein der CD unter den diversen mitgeführten Bahnverwaltungen suchte. Er war nicht im Fahrscheinheftchen eingeheftet... Zum Glück war noch genügend Zeit, eine Fahrkarte am Schalter zu besorgen.Yannick zeigte der Verkäuferin auf dem Smartphone die genaue benötigte Verbindung, erhielt dann aber eine Fahrkarte nach Breclav über Prag. Von Usti, das ja nun doch einen gewissen Umweg bedeutete, stand nix auf dem Ticket. Dafür hatte man ihm den teuren TCV Tarif abgeknöpft, was wir erst später von Martin analysiert bekamen...

R 615 Cheb 16.27 - Usti nad Labem hl n 19.07

Der Schaffner schaute sich dann auch Yannicks Fahrschein seeeehr genau an. Fast schon ein bischen zu lange. Doch dann gab er ihn nur dankend zurück. Zum Abschied sagte er lachend irgendwas, was wir nicht verstanden. Als er unsere freundlich-ratlosen Gesichter sah, machte er nur eine Bewegung im Sinne von "nicht so wichtig".

Erst hatten wir ein eigenes Abteil, später nicht mehr, aber das Licht im Abteil blieb aus. Schön, dass die furchtbaren Achterabteilwagen neben der äußerlichen blauen Farbe auch innen blaue Stoffpolster spendiert bekommen hatten. Ansonsten hatte sich aber nicht viel geändert.

Nachdem man im dunklen Abteil Bericht geschrieben und ein Nickerchen gemacht hatte, konnte man mit Nase an der Fensterscheibe schön die festlich beleuchtete Kohleindustrie (Gruben und Kraftwerke) und die dazugehörigen riesigen Trabentensiedlungen beobachten. Und dann war man auch bald in Usti, wo uns Martin und paar andere schon in Empfang nahmen. Wir fanden oben in der Nähe des Stadtplatzes in der Domecek Bar noch Platz, wo wir gut und günstig speisen konnten. Nur die Kapazität der Küche war wohl nicht ganz so groß. Die spuckte immer nur drei Gerichte auf mal aus. Das dauerte also bei unserer zwischenzeitlich auf zehn Personen angewachsenen Gruppe alles etwas. Aber wir hatten Zeit genug.

EN 60477 Usti nad Labem hl n 22.13 - Wien Hbf 7.02

Die Gangparty dauerte noch etwa bis ein Bier und zwei Schnäpse hinter Prag. Bei mir jedenfalls. Irgendwann zwischen 1 und 2 war man dann im Bett.

Samstag, 12.11.2016


Die Gangparty im Metropol.

So richtig toll hatte ich nicht gerade geschlafen. Und dann immer noch dieses Aufstehen und Anziehen mitten in der Nacht, bloß weil mal die Blase drückt... Das Frühstück bestand aus zwei Brötchen, eins mit Butter und eins mit Marmelade. Anders gesagt: Viel Brötchen und wenig Aufstrich. Dazu Kaffee. Das Ganze wurde schon ab 6 Uhr kredenzt. Viel Schlaf war das also nicht...

Im neuen Wiener Hbf konnten wir mit unserer Schlafwagenkarte in die Lounge. Den Besuch nutzte ich vor allem für die Entsorgung. Von unserem zweiten Reiseleiter Erik, der hier und jetzt zu uns stoßen wollte, hörten wir nur, dass er im Nachtzug nicht geweckt worden und nun in Ungarn unterwegs sei...

Von der Lounge hatten wir einen guten Ausblick auf die Abfahrtstafel. Auffällig war etwas, das man nicht sah. Es wurden bis auf einen Zug keine Verspätungen angezeigt, keine Laufbänder erzählten von abweichender Wagenreihung usw. Ein wahrlich aus Deutschland nicht mehr gewohnter Anblick!

EC 151 Wien Hbf 7.58 - Bruck an der Mur 9.56

Wir brachten unsere Taschen ins reservierte Abteil und nahmen sofort unsere Plätze im SŽ-Speisewagen ein. Die erhofften Spiegeleier gab es nicht. Ein Einzelner schmiss den Laden komplett, da konnte man natürlich nicht erwarten, dass er noch was bruzzeln würde. Aber er arbeitete hervorragend dynamisch und flott. Obwohl bald alle Tische belegt waren, bediente er zügig. Und die Käse-Schinkenplatte war ein hervorragender Ersatz. Der Semmeringpass war dick verschneit, davor und dahinter herrschte nur das übliche Grau in Grau. Immerhin war der starke Regen, der noch in Wien herrschte, inzwischen passé.

S1 Bruck an der Mur 10.08 - Peggau-Deutschfeistritz 10.36

Diese nagelneuen Cityjet ETs (Typ Desiro Mainline) gefielen mir ganz gut, den anderen weniger... Es folgte ein GTW:

S11 Peggau-Deutschfeistritz 10.39 - Übelbach 10.57

Mit dem Befahren dieser Nebenstrecke überbrückten wir zwei Stunden, die wir bei besserem Wetter auf dem Semmering eingeschoben hätten. Die Schaffnerin war böse mit uns, weil Martin wohl etwas zu laut über ihre Uniform im Trachtenlook gelästert hatte *g*. Außerdem fand die ganze Fahrt unter dem etwas lästerlichen Motto "hoffentlich kommt kein Gegenzug" statt, nachdem die es auf dieser Strecke vor anderthalb Jahren geschafft hatten, einen Frontalzusammenstoß mit Todesfolge zu produzieren. Ob dieses etwas wunderliche Ausfahrsignal im einzigen Ausweichbahnhof dabei eine Rolle gespielt hat?:


Dieses Signal im Ausweichbahnhof Waldstein ist doch eindeutig, äääh, nein? Die Erklärung hängt ja am Wartehäuschen: Züge können aus beiden Richtungen kommen! Autsch! Das war jetzt geschmacklos. Tschuldigung!

In Übelbach, einem wirklich winzigen Kuhdorf, stellte sich die Frage, was man hier mit der Stunde Aufenthalt anfangen sollte. Der ratlose Blick die Hauptstraße entlang erfasste zunächst nur die Filiale einer Raiffeisenbank. Doch dann machten wir - eigentlich sogar direkt überm Bahnhof gelegen, von dem wir uns schon ein Stück entfernt hatten, das Schild vom Gasthof / Café Klaudia aus. Das Etablissement erwies sich als rustikale, sehr schlichte Dorfkneipe. Die Wirtsleute waren allerdings sehr rührig.


Gasthof Klaudia zu Übelbach.

Wir erzählten, dass wir nur eine Stunde auf den Zug Zeit hätten, und obwohl man gerade dabei war, ein Essen für ein Treffen der örtlichen Jägerschaft vorzubereiten, sagte man uns zu, ne Suppe oder Schnitzel mit Pommes zeitnah genug liefern zu können. Und das klappte dann auch hervorragend. Wir trafen direkt zehn Minuten vor Zugabfahrt wieder am Bahnhof ein.


Der Bummelzug, der sich S-Bahn nennen darf, steht bereit. Die Schaffnerin in ihrer Trachtenuniform noch nicht.

S11 Übelbach 12.02 - Peggau-Deutschfeistritz 12.20

S1 Peggau-Deutschfeistritz 12.36 - Graz Hbf 12.55

S3 Graz Hbf 13.08 - Feldbach 14.13

Mit diesen ganzen "S-Bahnen" zieht man den Begriff "S-Bahn" völlig durch den Kakao. "Regionalbahn" wäre zutreffend. Die S11 war eine Nebenbahn, auf der samstags kurz nach Mittag die Bahnsteigkanten hochgeklappt werden. Die S3 bestand aus einem Desiro. Waren die bisherigen Steiermärkischen "S-Bahnen" schon ziemlich stark beheizt, war die Luft in diesem Desiro nun völlig furchtbar. Die Kiste war voll und eng. Gern hätte ich etwas Schlaf nachgeholt, aber das ging kaum. Über einen kleinen Pass ging es in südöstliche Richtung.

R 8615 Feldbach 14.17 - Bad Gleichenberg 14.52


In Feldbach steht die elektrische Eisenbahn nach Bad Gleichenberg bereit.

Diese Fahrt war nun richtig nett. Bei dieser nur viermal am Tag bedienten Bahn handelt es sich um einen elektrischen Inselbetrieb, auf dem immer noch Triebwagen aus dem Anfangsjahr der Bahn, 1925, den Dienst versehen. Die Strecke führt zunächst an einem Tal mit vielen Windungen aufwärts und dann auf einem Kamm entlang, von dem aus weite Ausblicke bis zu den Karawanken möglich waren, die sich klar in der Ferne abhoben.

R 8608 Bad Gleichenberg 15.11-1 - Feldbach 15.46

Während einige Fahrtteilnehmer nun die Therme unsicher machten, fuhren wir mit einem kleineren Kreis zurück und konnten somit die schöne Strecke ein zweites Mal bei Tageslicht erleben. Der Tf ließ uns dann sogar noch am Hp Oedt ein Foto machen, obwohl er mit etwas "Minus" fahren müsse, um unten pünktlich anzukommen und den knappen Anschluss herzustellen.


Kurzer Zwischenhalt in Oedt.

S3 Feldbach 15.50 - Graz Liebenau Murpark 16.38

Nun hatten wir noch etwas Zeit, um uns Graz anzuschauen. Die anderen schlugen vor, bereits in Liebenau in die Strab umzusteigen. Wir machten einfach mit, was allerdings den Nachteil hatte, dass wir unser Gepäck mitschleppen mussten. Die Bahn fuhr irgendwann dann mitten durch die Innenstadt. Und diese Innenstadt überzeugte restlos! Die musste man sich näher anschauen. Wir stiegen um zum Hbf und brachten das große Gepäck ins Schließfach, das es für nur 2 Euro gab. Die Strab Fahrkarte für 2,20 galt als Einstundennetzkarte, so dass wir auf unserer Karte zurück in die Innenstadt fahren konnten.

Diese Stadt ist wirklich klasse! Wir liefen einfach durch wunderschöne, gewundene Gassen kreuz und quer durch die Altstadt. Hart waren dabei nur die Düfte aus den zahllosen wunderbar liebevoll in noch so winzige, verwinkelte Altbauten eingenistete Cafés und Restaurants, die zu uns heraus wehten. Wir würden gleich ja noch unser gemeinsames Abendessen haben. Insofern mussten wir jetzt tapfer sein. Den ersten Glühwein der Saison haben wir uns allerdings genehmigt.


Graz, in der Prokopigasse. Seht ihr die herrlichen Wirtschaften?


Hier sind wir nicht tapfer geblieben: Auf dem Franziskanerplatz gab es (hinten um die Ecke) den ersten Glühwein des Jahres.

In den "3 goldenen Kugeln" gab es daraufhin mit der ganzen Truppe ein schmackhaftes Abendessen mit Wiener Schnitzeln aller Varianten. Yannick und ich bekamen Kaiserschmarrn hinterher. Der geplante Lounge Aufenthalt musste leider entfallen, da die Lounge apl wegen Personalmangel verkürzte Öffnungszeiten hatte.

EN 464 Graz 22.24 - Zürich 9.20

Nach dem kurzen und schlechten Schlaf letzte Nacht war ich nun restlos erledigt. Den Tag über war es ja zum Glück noch gegangen, aber nun war bei mir Schluss. Für mich gab es noch ein Glas Wasser, dann hab ich mich hingelegt.

Sonntag, 13.11.2016

Diese Nacht war ja nun etwas länger und ich konnte auch ganz gut schlafen - für NZ Verhältnisse jedenfalls. Ab Buchs gab es Frühstück, das ja bei der ÖBB gar nicht sooo schlecht ist und das man beim Ausblick auf die Walensee abgewandte Seite der Bahnstrecke genießen konnte.

In Zürich fand die allgemeine Verabschiedung schon auf dem Bahnsteig statt, nachdem klar war, dass zum Zutritt in die Lounge bei der SBB eine Bettkarte nicht einfach ausreicht. Yannick und ich suchten statt dessen ein Café auf, wo jeder für umgerechnet 4,38 € einen Kakao trank. Immerhin gab es gutes WLAN.

Beim Bezahlen mit Karte wollte ich bei dem Bezahlmaschinchen auf 10 CHF aufrunden und gab entsprechend 10 CHF ein. Zwei Minuten später kam die Bedienung zurück und fragte, ob ich wirklich 10 CHF Trinkgeld hatte geben wollen. Na ja, für die Ehrlichkeit habe ich ihr dann noch 2 CHF drauf gegeben und hielt nun 8 Fränkli in Münzen in der Hand. DAS war nun auch nicht mein Ziel gewesen...

Was aber deutlich stärker unsere Laune an diesem kalten, ungemütlichen Morgen in den Keller zog, war der Umstand, dass der Wetterbericht für unser Zielgebiet massiv in den Keller gerutscht war. Blöd! Na ja, wir hofften einfach mal darauf, dass für so einen exponierten Flecken die Vorhersage eh schwierig ist und dass alles viel besser wird als angekündigt. Von dem Trinkrückgeld kauften wir uns noch etwas zu trinken und dann ging es zum Bahnsteig.

EC 17 Zürich HB 11.32 - Milano C 15.35+5

Der in der Schweiz eingestellte ETR 610 hatte zwar einen furchtbar engen Sitzabstand in unserer Vierergruppe, aber laut Reservierungsanzeige sollten wir dort allein bleiben. Der Zug ist ja reservierungspflichtig. So hatte man noch genügend Platz und die Reise startete angenehm. Und sie blieb angenehm. Paar immer mal lauter werdende Gestalten blieben am anderen Wagenende und störten daher nicht. Viel Strecke haben wir verdöst. Unsere vermutlich letzte Fahrt mit einem hochwertigen Fernzug über den Gotthard rüber!

Nachdem wir nun in Österreich und der Schweiz perfekte Bahnen erlebt hatten, bei deren Abfahrtstafeln nicht die Spalte Bemerkungen die wichtigste war, ging nun bereits kurz vor der Grenze minimale Bummelei los. Wir sammelten ohne erkennbaren Grund ein bis zwei Minuten Verspätung. Schlimm! ;-)

Mal ernsthaft: In der Schweiz ist die von sicherlich dichtem Takt belegte Strecke Zug - Arth-Goldau sogar eingleisig, aber man muss kein einziges Mal stehen bleiben, um einen Zug kreuzen zu lassen. Bei Lugano war großer Gleisumbau in der Bahnhofseinfahrt, doch man passierte ohne Behinderung. Um sowas realisieren zu können, ist halt eine zuverlässige Pünktlichkeit erforderlich...

Unterwegs hatten wir zu allem Überfluss noch gesehen, dass in einer anderen möglichen Zielgegend, an der Wocheinerbahn, bis Donnerstag Sonne pur angekündigt war. Man wäre sogar heute noch von Milano nach Triest gekommen. Aber so hundertprozentig mochten wir uns auf diese vier gelborangen Sonnenbälle im Wetterbericht angesichts einer doch eher wechselhaften Großwetterlage in Europa nicht verlassen. Wir bauten lieber darauf, dass es auf Sizilien gar nicht immer schlecht sein kann... In Wirklichkeit waren wir ja nur scharf auf die Nachtzugfahrt ;-b

In Mailand angekommen verfrachteten wir unser Gepäck gleich mal zur privat geführten (aber bestens ausgeschilderten) Gepäckaufbewahrung. Gern hätten wir dort den Grazer Schließfach Preis entrichtet, doch statt der 2 € für alles zusammen wollte man 6 pro Gepäckstück haben...

Ich muss nun dazu sagen: Dies ist lediglich ein fünfstündiger Umsteigeaufenthalt. Wir hatten uns kein Stück auf Mailand vorbereitet. Es gab eine Metro, an deren Station am Hbf man sich für 4,50 € eine Tageskarte für alle Stadtverkehrsmittel besorgen konnte. Und - viel wichtiger - es gab ein dichtes Straßenbahnnetz, das auch vor der Innenstadt nicht Halt machte. Erstmal fuhren wir mit der Metro bis Duomo, wo wir nach Erreichen der Erdoberfläche völlig überraschend *g* vor dem Dom standen.


Milano, Piazza del Duomo. Da haben wir ja ein völlig neues Motiv entdeckt ;-)

Dann ging es erst etwas mit der Straßenbahn hin und her, dann machten wir die engsten Altstadtgassen zu Fuß unsicher. Hatten wir das nicht vor 24 Stunden schon mal gemacht? Da hieß die Stadt aber Graz... Wobei Graz doch etwas übersichtlicher ist. Aber die blinden Hühner finden auch in Milano das Korn: Wir hatten uns diese Gegend ausgesucht, weil dieser Bereich auf der Karte am interessantesten aussah, und hatten damit “das” In-Viertel Brera erwischt.


Im Gassenviertel Breda.

In den Gassen lag ein Restaurant am anderen. Wir wählten eines, das am kleinsten, schlichtesten und unaufdringlichsten aussah. Die Pizza war ok, aber noch nicht dazu angetan, mich von der Spitzenqualität der Pizza in deren Ursprungsland zu überzeugen. Die beste Pizza habe ich immer mal wieder an verschiedenen Orten in Kroatien gegessen. Mal sehen, ob Italien im Laufe dieser Tour den Spitzenplatz übernehmen wird. Wobei wir natürlich nicht vor haben, uns für diesen Contest nur noch von Pizzen zu ernähren... Ups, Yannick fand den Gedanken jetzt nicht so abwegig ;-)

Mit noch anderthalb Stunden Zeit suchten wir uns eine Umsteigeverbindung mit kleinem Bogen zum Bahnhof zurück. Dabei nutzten wir auch Linie 10, die noch (anscheinend komplett) mit ganz alten Wagen von 1928 betrieben wurde. Ein sehr uriges Gefährt!


In der alten Straßenbahn.

Zwischenzeitlich hatten wir uns für die bevorstehende seeehr seeehr lange Nachtzugfahrt in einem Supermarkt auch noch mit ordentlich Lebensmitteln eingedeckt. Mit reichlich Proviant bepackt holten wir unser Gepäck aus der Aufbewahrung und dackelten zum Zug, der sich kurz nach der Bereitstellung rasch füllte. Wir hatten Glück gehabt. Für die lange Fahrt von Milano nach Catania hatten wir inklusive Double Schlafwagen 60 € pro Person gezahlt. Bei heutiger Buchung hätte schon die Fahrt im Sitzwagen allein das Doppelte gekostet!

ICNotte 1963 Milano 20.10 - Catania C 14.32+14

Im Zug gab es den mitgebrachten wunderbaren Gewürztraminer und paar Grana Padano Käsewürfel. Zu Salami, weiterem Käse und Oliven hatten wir nach der Pizza aber leider keine Lust mehr. Na ja, wir nutzen diesen Zug bis morgen nach 14 Uhr. Da schadet es nicht, wenn man bischen Proviant da hat... Um 22.00 war ich eingeschlafen.

Montag, 14.11.2016

Heute konnten wir mal richtig ausschlafen. Selbst ich habe mit unwesentlichen Unterbrechungen bis 8.30 gepennt. Kurz vor Paola bin ich aufgewacht. Der Zug fuhr die ganze Zeit am Meer entlang, unser Abteil lag auf der richtigen Seite. Bei Salami, Schinken, Käse, Meterbrot und Oliven ließ sich dieser Ausblick besonders genießen. Der Schlafwagenbetreuer kredenzte sogar noch nen O-Saft und ein Küchlein dazu.

An den kleinen Küstenstationen fuhren wir mit zunehmender Verfrühung ab. Man konnte nur hoffen, dass die Aussteigewilligen rechtzeitig fertig waren. Zustieg ist hier unten nicht zugelassen. Die "gewonnene" Zeit verbrachten wir vorm Einfahrsignal von Villa S.Giovanni, dem festlandseitigen Fährbahnhof. Ich hatte es gerade vorher noch auf Klo geschafft, bevor das wegen der Fährüberfahrt abgeschlossen wurde.

In Villa San Giovanni standen wir sehr lange, wohl eine Stunde lang. Draußen kamen viele Durchsagen, doch so richtig verstanden haben wir nichts. Na ja, irgendwann wurden wir von einem der mindestens drei verfügbaren Rangierhobel vom Bahnsteig hinab in den Hafenbahnhof gezogen. Jede Rangierlok hatte erst einen Flachwagen und dann noch einen Personenstationswagen dauerhaft dran. Die zu rangierenden Züge wurden also an den Stationswagen gekoppelt. Die Lok darf anscheinend nicht auf die Fähre oder nichtmal auf die Fährbrücke. In den Hafenbahnhof liefen wir fast zeitgleich mit einem IC nach Rom ein, den eine andere Rangierlok von der Fähre gezogen hatte. Ich hatte gedacht, dass Tageszüge gar nicht mehr trajektiert werden?!?

Nun ja, jedenfalls ist der Fährbetrieb hier noch sehr klassisch, ganz anders als man es von der Vogelfluglinie kennt. Man muss ja sagen, dass dieses Nicht-Rangieren am Fährbahnhof zwar für den gemeinen Eisenbahnfan uninteressanter ist, aber Aufenthalte vermeidet, die heute einfach für den gemeinen Fahrgast nicht mehr zumutbar sind. Unser Zug wurde auf drei Gleise der "Messina" verteilt. Es handelte sich um eine reine Bahn-Überfahrt. Wir fragten uns, ob diese Eisenbahnfähren überhaupt mal Straßenfahrzeuge mitnehmen. Eine Heckklappe ohne Schiene war ja vorhanden, aber an Land sah es nicht gerade danach aus. (Nachtrag: Auf dem Luftbild kann man dann doch Wartespuren für Autos erkennen).


Unser ICN 1963 auf der Fähre. Für Schienenfahrzeuge geht es in Richtung Heckklappe nicht weiter.

In Messina standen wir wieder sehr lange am Bahnsteig. Wir rechneten schon mit einer halben Stunde Verspätung, doch es waren derer nichtmal fünf Minuten. Da der Zug auf seiner gesamten langen Fahrt praktisch keinen Fahrtrichtungswechsel macht (bzw einmal im Hafenbahnhof Villa S.G., der dann aber durch einen weiteren auf der Fähre sogleich ausgeglichen wird), hatten wir unser Abteil nun landseitig. Es gab noch die restlichen Lebensmittel, die also gut gereicht hatten. In Messina hatten wir für heute und morgen schon mal eine Unterkunft auf der Nordseite des großen Vulkans gebucht, in Linguaglossa. Eigentlich lief ja alles bestens, doch die Wetteraussichten drückten trotzdem die Stimmung.

Bis zu unserer Ankunft in Catania hatte unser Zug dann doch 14 Min Verspätung aufgebaut. Schade, gern hätten wir gesagt, dass wir auf unserer gesamten, langen Bahnfahrt nie mehr als fünf Minuten Verspätung gehabt hätten. Irgendwie bummelte unser Zug auf der Inselbahn immer wieder rum. Auch vor der Einfahrt Catania hatten wir länger halten müssen. Leichter Regen nahm uns in Catania in Empfang. Weit hatten wir es nicht zur Autovermietung. Der Weg führte immer an den Bahngleisen entlang, bis diese den Stadtviadukt bilden. Unterhalb des Viaduktes war das Avis Büro als einziges "bewohntes" Etablissement in einer großen, finsteren und sonst leerstehenden Fährhalle untergebracht.

Wir hatten die Wahl zwischen einem Jeep Renegade (wie gebucht) und einem Nissan Qashqai. Wir wählten mal letzteren. Die Vermieterin kam unterm Regenschirm mit raus und meinte, sie fände ja den Sommer viel schöner, doch der habe sich letzten Donnerstag verabschiedet. Ach ja, wie nett... Meist durch Regen entließen wir uns nun selbst in den italienischen Straßenverkehr. Ja nee, ich habe ja schon einigen Straßenverkehr Europas kennengelernt, aber das hier war wirklich eine besondere Herausforderung. Das sehr offensive Fahren gepaart mit den zumeist fehlenden Fahrbahnmarkierungen und schlechten Straßen war schon speziell. Dagegen wird auf dem Balkan oder in Griechenland wirklich zivilisiert gefahren...

Mit nur wenigen Verfahrern schafften wir es bald auf die Autobahn gen Norden, die wir an der Westflanke des Etnas vorbei bis Fiumefreddo nahmen. Von dort ging es auf Landstraßen steil aufwärts. Hier oben regnete es nicht mehr ganz so viel. In Linguaglossa fanden wir unsere "Pension" relativ zügig. So hatten wir sie uns aber nicht gerade vorgestellt: Es handelte sich bei Villa Mauro um eine einzige Wohnung in einem großen Appartmenthaus. Das reinste Abschreibungsobjekt. Wir mussten erstmal hinter unserem Wirt hertelefonieren. Der kam dann immerhin binnen fünf Minuten.

Die Wohnung war einfachst eingerichtet, hatte kalten Fliesenboden und laute Nachbarn. Oh Mann, das passte ja zur Gesamtlaune. Aber was mussten wir auch wieder die billigste Unterkunft nehmen? Wobei - besonders verlockend war u.a. die gute Bewertung bei booking.com mit 9,1 gewesen! Na, da hat wohl der ganze Clan mit bewertet? Nachträglich und etwas versönlicher gestimmt muss ich allerdings sagen, dass diese Wohnung wirklich tadellos sauber war und auch am Zwischentag bestens gereinigt wurde. Die Nachbarn waren nur am Ankunftstag so laut. Das Preis-Leistungsverhältnis stimmte definitiv, wir hatten bloß von einer Sizilianischen Pension ganz etwas anderes erwartet.

So stand nach drei Nachtzugfahrten einer Gesamtrestauration des Körpers nichts mehr im Wege. Anschließend wurde es Zeit für den einzigen FCE Zug des Abends, den wir uns am Bahnhof von Linguaglossa angeschaut haben. Nettes Triebwägelchen, aber warum ist er denn bei rotem Asig aus dem Bahnhof ausgefahren? Im Feinkostladen gegenüber gab es anschließend noch etwas Verpflegung für morgen und Wein, danach suchten wir uns etwas zum Abendessen. Wie auf früheren Touren in Griechenland merkten wir auch hier unten, dass wir um 18.15/18.30 einfach noch zu früh zum Abendessen dran waren. Letztendlich konnten wir aber in der Pizzaria Da Antonio unterkommen, wo uns Antonio, der mal in Essen gearbeitet hat, persönlich bediente. Die Pizza war deutlich besser als die in Milano, aber noch lag Kroatien vorn... Besonders das Profiterole zum Nachtisch war wunderbar, ein Nachtisch auf Windbeutel Basis...

Die Betten waren bequem. Kurz nach 22 Uhr war ich drin. Der Körper hatte noch schlaftechnischen Nachholbedarf...

Dienstag, 15.11.2016

Ich hatte prima geschlafen. Der Himmel zeigte sich grau, allerdings mit Lücken. Laut jetziger Vorhersage sollte das das letzte Mal sein, dass wir die Sonne überhaupt zu Gesicht bekämen. Dennoch ließen wir es ruhig angehen. Die Wettervorhersage war so schlecht, dass der Wirt uns gestern empfohlen hatte, heute nicht den Etna aufzusuchen. Diese Empfehlung sprach er sicher nicht all zu häufig seinen Gästen gegenüber aus, schließlich befand man sich hier am direkten Nationalpark Eingang Etna Nord. Wir schauten sogar schon, wie man per Bahn den geordneten Rückzug antreten könnte. Doch die Nachtzüge ab hier hätten mit mindestens 138 Euro im Double zu Buche geschlagen, und zwar nur bis Rom. Der Mailänder war an allen Tagen im Schlafwagen komplett ausgebucht. Wir beschlossen, das Thema bis zum Abend zu vertagen.

Wir befanden uns nun an der Ferrovia Circumetnea (FCE), die das eigentliche Ziel unserer fotografischen Ambitionen hier in/auf Sizilien darstellte. Die FCE ist eine 950mm Schmalspurbahn, die den höchsten Vulkan Europas, den rund 3330m hohen Ätna, auf fast dreieinhalb Seiten umrundet. Ich werde im folgenden die einheimische Schreibweise "Etna" verwenden. Die FCE führt dabei durch eine Mischung aus allerfeinster südeuropäischer Märchenlandschaft mit Weingärten, rustikalen Bauernhäusern, Bergdörfern und andererseits durch die wirklich einzigartige Landschaft der Lavafelder. Ich wüsste nicht, wo man sonst in Europa Züge inmitten mondartig-bizarrer Lavalandschaft fotografieren könnte. Außerdem gibt es an der bis auf rund 1020m Höhe führenden Strecke immer wieder Traumausblicke auf den Etna selbst mit seiner Schneekrone. Sowas wollten wir haben! Zur Attraktivitätssteigerung dient noch, dass die FCE mit älteren, ganz fotogenen Triebwagen fährt. Zwar gibt es auch vier Neubau Doppel-VTs mit Namen "Vulcano", doch fahren die noch nicht sooo viele Leistungen.

Erst gegen 10 rafften wir uns langsam auf und fuhren los. Wir folgten der FCE aufwärts. Bald kam man am Bf Cerro vorbei, der auf einer kleinen Lavazunge, lag. Hier standen sogar noch alte Formsignalgerippe in den Einfahrten. Allerdings befand man sich hier auch schon partiell im Nebel der tief hängenden Wolken drin. Vor uns war es doch tatsächlich eine Spur heller! Sollte da die Sonne scheinen? Hinter Passopisciaro tat sie es. Hier gab es ein größeres stationäres Wolkenloch. Vorbei am Bf Moio lachten uns hinterm Ort gleich mal mehrere nette Motive an. Und das Gute war: Der passende Zug für die Motive sollte auch innerhalb einer Viertelstunde kommen!

Wir bauten uns an einer Kurve auf, wo man eines der vielen Weingüter mit im Bild hatte. Die Stimmung mit der beleuchteten herbstlichen Vegetation und den ringsherum vorherrschenden schwarzen Wolken war schon eindrucksvoll. Doch eine Viertelstunde ist bei solch einem Wetter auch für ein stationäres Wolkenfeld eine lange Zeit. Die Wolken bildeten sich um und gewannen wieder die Oberhand. Oft war das Gutshaus in der Sonne, die Strecke aber nicht. Als TR 17 um die Ecke bog, war es zum Glück umgekehrt, und auch das Gutshaus hatte noch relativ viel Licht.


Ein modernisierter ADe rollt auf den Bahnhof Moio zu. Der Ort heißt aber Passopisciaro (war den Eisenbahnern vielleicht zu lang...).

Yippieh! Das erste (vielleicht einzige) Sonnenbild von der FCE war gelungen, wenn auch leider nur mit einem modernisierten VT, dessen Farbgebung ich nicht so attraktiv finde wie die verschiedenen alten. So ein Sonnenbild kann schon Laune machen. Hier tat sich erstmal nichts mehr, deshalb kundschafteten wir mal ein Stück tiefer die relativ neugebaute (1959) und doch schon stillgelegte Normalspurbahn Ferrovia Alcentara - Randazzo aus. Das Gleis lag noch, war aber ganz schön zugewildert. Parallel zu der Strecke erreichten wir Randazzo, den größten Ort an der FCE und deren Betriebsmittelpunkt. Im Bahnhof stand gerade einer der klassischen VTs, doch trotz einiger Warterei wollte sich kein Sonnenstrahl ergeben.


Ein Bergdorf auf der anderen Talseite, vermutlich Roccella, wird unwirklich von der Sonne erfasst.

Wir kundschafteten weiter. In Richtung Bronte führte die Straße nun ein wenig höher durch die Nebel verhangene vulkanische Landschaft. Dann dasselbe wie vorhin: Der Abstieg nach Bronte führte geradewegs in die Sonne hinein! Das Pech war nur, dass jetzt eine größere Zuglücke herrschte. Wir schauten etwas oberhalb in einem Lavabereich herum, in dem allerdings auch massiver Abbau des Gesteins stattfand. Alles nicht sooo schön. Dieser Lavabereich steht wohl auch nicht unter Naturschutz. Der Ort Bronte dehnt sich immer weiter in die Lavaberge aus. Auffällig war eine gerade entstehende Wohnsiedlung mit uniformen Häusern in Holzbauweise. Wir dachten sogleich an eine Flüchtlingsunterkunft, doch schien das ein normales Wohngebiet werden zu sollen.

Der Weg wurde irgendwann aufgrund tiefer Furchen unbefahrbar. Beim Wenden wurden wird durch das Tor eines eingezäunten Grundstücks von einem friedlichen Hund neugierig beobachtet. Hier in der Wildnis rechnet man ja eher mit einem wütenden, Zähne fletschenden Köter, der sein Grundstück verteidigen muss...

Wir drehten um und suchten Stück oberhalb eine andere Zuwegung. Dabei musste man ungesicherte BÜs queren, die null Streckeneinsicht zuließen. Man erreichte einen Wiesenbereich mit Basalthügeln im Hintergrund. Inwiefern man dort den Etna in den Hintergrund bekäme, konnten wir nicht abschätzen. Der Chef aller sizilianischen Berge war komplett von Wolken verborgen. Wir schauten nochmal weiter in Richtung Adrano. So richtig weit ins Stadtgewühl vordringen wollten wir dann aber lieber nicht und testeten zwischen Adrano und Bronte noch paar Stichwege hoch zur Bahn aus. Da ginge sicher vieles, wenn man ein Stück reinliefe, doch bequem erreichbar gefiel uns vor allem ein Hp Stück unterhalb von Passo Zingaro. Da wieder einiges Blau am Himmel stand, warteten wir die Durchfahrt des TR 24 hier ab, der uns dann etwa fünf Minuten vor Plan beglückte - ohne Sonne natürlich.


Ein RALn64 rollt unterhalb Passo Zingaro abwärts in Richtung Adano. Der Haltepunkt schien uns stillgelegt, dennoch machte das Zugpersonal Anstalten zu halten, was wir schnell durch entsprechende Gesten als nicht nötig angezeigt haben.

Von Südwesten drückte nun offensichtlich eine Regenfront herein. Wir hatten angesichts der Wettervorhersage schon gesagt, dass man sich halt notfalls durch die Tage durchschlemmen müsse. Das wollten wir nun angehen. Mittlerweile war 14 Uhr durch und wir hatten Hunger. Tja, und nun sollten wir lernen, dass auch das mit den geöffneten Restaurants im November langsam schwierig wird. Viele Speisestätten waren ausgeschildert, doch keine sah wirklich betriebsbereit aus. Oder die Mittagessenzeit war schon vorüber. Nun ja, dann eben eine schöne sizilianische Brotzeit aus dem Supermarkt besorgen. Ha! Findet den Fehler! In ganz Randazzo hatte zwischen 14 und 16 Uhr kein Supermarkt geöffnet. Na ja, bis auf Lidl, aber der kam aus naheliegenden Gründen nicht in Frage.

Die letzte Hoffnung war nun noch unser kleiner authentischer Feinkostladen gegenüber des Bahnhofs von Linguaglossa. Nachdem wir, weil sich vor uns zwei Busse der FCE festgefahren hatten, eine Ehrenrunde durch die Stadt drehen durften, fuhren wir vor dem Laden vor und - siehe da! - es brannte Licht. Man erkannte uns auch sofort wieder. Während die Frau unsere Auswahl zusammen packte, lud uns der Senior, ihr Vater, in seine Weinecke ein, wo wir zur Erfrischung erstmal jeder einen Becher Wein eingeschenkt bekamen. Ohne dass einer die Sprache des anderen konnte, unterhielten wir uns sehr herzlich und verabschiedet wurden wir mit vielen "grazie"s. Man schien mit unserem Umsatz zufrieden gewesen zu sein.

In der Unterkunft, in der die lauten Hausbewohner offenbar noch nicht zuhause waren, gab es nun ein sizilianisches Buffet mit Ciabattas, Käse, geräuchertem und gekochtem Schinken, frischen und eingelegten Tomaten sowie Oliven. Dazu Wein und Wasser, ja, so durfte ein Tag zwischen 16 und 18 Uhr ausklingen... Von dem Gedanken einer verfrühten Abreise von Sizilien hatten wir uns trotz nach wie vor unterirdischer Wetteraussichten erstmal gelöst. Man konnte sich hier auch so beschäftigen. Einmal im Nebel auf den Etna zu fahren ist ja sicher ein sehr exklusives Erlebnis... Jendenfalls wollten wir an der FCE bleiben. Abends buchten wir noch ein Hotel in der Nähe von Randazzo, in dem es lt booking auch ein Restaurant geben sollte. Wir waren gespannt drauf...

Mittwoch, 16.11.2016

Wetteronline zeigte für den Etna Umkreis nach wie vor nur Wolkensymbole und null Stunden Sonne an. Auf dem Wolkenfilm war aber erkennbar, dass der gesamte Norden und Westen der Insel wolkenfrei war. Und von der Zugrichtung hätte man gesagt, dass diese wolkenfreie Zone auch auf den Osten der Insel zuzieht. Hmm, komische Sache das. Vielleicht mal an die Nordstrecke ranfahren? Zunächst ließen wir aber alles wieder sehr entspannt angehen. Wie gestern starteten wir um 10.

Auch wenn unsere fotografische Priorität eigentlich sehr eindeutig in Richtung Ferrovia Circumetnea ging, beschlossen wir, den Wolken für heute mal an die Nordküste zu entkommen. So ganz trivial, wie es auf der Landkarte aussah, war das Unterfangen dann aber nicht. Man musste einen klitzekleinen Pass von 1524m (lt Schild) bzw 1566m (lt OSMAND) Höhe queren. Damit das auch nicht zu einfach wurde, fuhren wir noch vor Cesarò in die Wolken hinein. Also nicht unter die Wolken (das war ja Grundstellung in diesem Urlaub), sondern in! die Wolken. Man sah nur noch zehn Meter weit.

Die Häuser von Cesarò, einer toll gelegenen Gebirgsstadt, wurden nach oben hin immer schemenhafter. Die Augen verfolgten nur noch die Mittelstreifen. Mittelstreifen nach links, Steuer nach links, Auto nach links. Rechts entsprechend. Schafe auf der Straße spielten mit ihrem Leben. Außer uns tat sich aber niemand diesen Nebelritt an. Wir sahen bestimmt für eine halbe Stunde kein einziges Auto. Und das lag nicht am Nebel; Gegenautos hätten wir wohl gerade noch wahrgenommen.

An der Passhöhe eine Straßenabzweigung, dann ging es wieder abwärts. Nicht mehr Schafe säumten die Straße, sondern Schweine. Wir sahen die verschiedensten Bauarten, von felligen Tieren bis zu Landkartenschweinen (vgl "Öller, das Wunderschwein", ein Bilderbuch von Bill Peet). Die Schweine lebten allerdings nur anfangs gefährlich. Kurz hinter der Passhöhe lichtete sich der Nebel und vor uns wurde der Himmel - ja, er wurde es wirklich! - tiefblau! Die Wolken waren zuende, die Nordküste war tatsächlich wolkenfrei! Yippieh! 1500m unter uns breitete sich das Meer aus!


Ausblick auf San Fratello und das Thyrrenische Meer. Gaaanz schwach hebt sich draußen auf See bereits der nächste Vulkan im Dunst ab (rechts vom Ort).

Durch das noch recht hoch gelegene, wieder so typische und erstaunlich große Bergstädtchen San Fratello gelangten wir hinab nach Acquedolci auf die Küstenstraße. Leider war erstmal kein Zugverkehr zu erwarten. In einer guten Stunde sollte ein Regio ostwärts kommen und ein Stück weiter, in Sant' Agata di Militello mit nem Gegen-Regio kreuzen. Schade, einen IC von Palermo hatten wir gerade verpasst. Der nächste Zug mit Caimano, der alten Doppelellok, wäre der Nachtzug aus Mailand, also der Palermo-Flügel unseres Anreisezuges, anderthalb Stunden hinterm Nahverkehr.

Einen Punkt Stück weiter westlich kannten wir aus der Galerie. Wenn wir nix anderes finden würden, würden wir die Stelle einfach banal nachahmen. Es ging also auf der parallelen Küstenstraße westwärts. Die Strecke machte einen ziemlich zugewucherten Eindruck. Die großartigen Motive sprangen uns nicht an, obwohl jede freie Stelle dank Meer im Hintergrund ein Motiv gewesen wäre. Dann doch: In der Osteinfahrt von Caronia gab es eine hübsche dreibögige Brücke. Wir hofften mal auf einen Minuetto; der konnte gerade so passen. Und es kam ein Minuetto. Und der passte noch ganz gut.


Ein Minuetto verlässt als Regionalzug Caronia ostwärts.

Gern wäre dieser Halb-Nachschuss das Aufwärmprogramm des heutigen Tages gewesen. Doch er sollte "das Sonnenbild des Tages" bleiben. Kurze Zeit nach Zugdurchfahrt war nämlich ein massives Gewölk von der See bzw von Nordwesten hereingezogen. Dumm gelaufen. Für den Gegenzug hatten wir noch versucht ostwärts zu fliehen, was weder motiv- noch wolkentechnisch Sinn ergab. So ergaben wir uns dem schlechten Wetter, besannen uns auf unser Hauptanliegen FCE und steuerten über die Berge zurück. Immerhin war es nicht mehr so neblig, so dass wir zügiger wieder in Bronte eintrafen.


Etwas unterhalb von Cesarò entblößt sich der unsichtbare Berg ein wenig vor uns. Wir bekommen einen kleinen Eindruck, wie landschaftsbeherrschend der Etna hier ist.

Es war hier alles grau in grau. Ob hier wohl zwischen Nebelauflösung und Wolkeneinzug noch die Sonne geschienen hat? Wir werden es wohl nicht erfahren. Ein Stück hinter Bronte hielten wir am Straßenrand an. Fürs Hotel war es eigentlich noch bissi früh. Kriegsrat. Doch früher heimkehren? Anstatt uns mit ausgebuchten Nachtzügen rumzuärgern, schauten wir mal intensiver nach alternativen Rückflugmöglichkeiten. Nach einigem Hin und Her und obskuren Buchungsmaschinen, deren Preise nicht nachvollziehbar waren, entdeckten wir doch tatsächlich einen Air Berlin Flug am Samstag Vormittag nach München für erschwingliche 95 Euro inklusive Gepäck - sogar ab Catania! Wir schlugen zu. Dieser Parkplatz, an dem wir noch viele Male vorbeikommen sollten, hieß ab sofort "Platz der Entscheidung".


Yippiiieh! Wir durften zwei Tage früher zurück!"

Mit dieser neuen Strategie würden wir wenigstens die derzeit in den Wetterberichten geplante völlige Verarsche umgehen. Die Vorhersage sah nämlich so aus, dass Sonntag genau mit Abgabe des Autos das Wetter aufreißen würde und wir dann mit dem Zug durch einen sonnigen Nachmittag nach Palermo fahren dürften. Schallender hätte die Ohrfeige für uns ja gar nicht mehr sein können... Sollte sich kurzfristig was ändern, konnten wir immer noch wie ursprünglich geplant auf Ryans am Montag ab Palermo zurückgreifen.

Was war das denn? Plötzlich sah es draußen völlig anders aus, nein, es sah gar nicht mehr aus! Während wir so da gestanden hatten, hatte sich langsam wieder der Nebel auf uns herab gesenkt. In dicker Suppe ging es nun nach Randazzo zurück. Hier ging es erstmal durch einen Supermarkt (ja, 16 Uhr war nun durch!), bevor wir die letzten Kilometer nach Santa Domenica Vittoria zu unserem neuen Domizil "Agri Hotel Da Marianna" unter die Räder nahmen. Der Nebel war womöglich noch eine Spur undurchdringlicher geworden. Yannick nahm die Ortsdurchfahrt durch Santa Domenica Vittoria mal "vorn raus" auf.

Die Ortsdurchfahrt im Nebel: Youtube.

Oberhalb des Ortes hätte unser Hotel ja mal langsam kommen müssen. Waren wir am entsprechenden Schild vorbei gefahren? Wir fuhren lieber mal rechts ran auf einen Parkplatz, um zu schauen. Tja, das kann man nicht lernen... Wir standen direkt auf dem Hotelparkplatz! Von der Wirtin gab es erstmal due espressi zur Begrüßung, bevor sie uns das Zimmer zeigte. Es war zwar ähnlich schlicht wie das letzte, aber man hatte einen wunderbaren Ausblick - in den Nebel. Aber man konnte tatsächlich im Hotel essen. Zwischen 20 und 21.30 gäbe es warme Küche. Außerdem bot das Hotel in einem kleinen Laden Leckereien aus der Gegend an, mmmmh, ich sah im Vorübergehen viele Weinflaschen... Schade, da hätten wir eben gar nicht in den Supermarkt gemusst. Wobei wir schon froh waren, dass wir einen kleinen Imbiss nehmen konnten, wenn das Abendessen erst um 20 Uhr losgeht.

Endlich mal ein Lokal, wo gegrillt wird! Während ich draußen verzweifelt versuchte, Esel im Nebel zu fotografieren, was gar nicht so einfach ist, wenn die Viecher ihre Nasen im Futtertrog versenkt haben, wurde oben der Grill angeheizt. Zu der stimmungsvollen Nebelsituation kam noch hinzu, dass plötzlich vom Dorf herauf durch die Stille ein wunderschönes flottes Glockenspiel der örtlichen Kirche heraufklang. Leider habe ich nirgends im Internet eine Aufnahme davon gefunden, auch mit den italienischen Suchbegriffen für "Glockenspiel" und "Glocke" nicht.


Die Esel beim Abendessen im Nebel.

Langsam verbreiteten die Fleischstücke auf dem Grill angenehmen Duft. Ich musste nicht länger den Eseln beim Fressen zuschauen, sondern wählte oben im Restaurant eine gemischte Grillplatte. Wie hatte ich mich nach richtigem Fleisch gesehnt, ich dachte schon, dass es sowas diesseits der Adria gar nicht gäbe. Yannick bekam vier gegrillte Hähnchenschenkel. Und wir verputzten zusammen einen Liter Wein.

Donnerstag, 17.11.2016

Die Vokabel "Sonne" oder entsprechende Symbole fehlten auch in den Wetterberichten für heute komplett. Deshalb hatten wir ziemlich fest eine Fahrt mit der Bahn nach Catania zum Mittagessen eingeplant. Aber man sollte nicht zu viel planen... Schon während des recht späten Frühstücks deutete es sich an, dass sich immer mehr Blau am Himmel breitmachte. Tja, beklagen wollten wir uns nicht. Aber wir unkten schon, dass es genau in dem Moment wieder komplett zuziehen würde, in dem wir den Zug nach Catania haben fahren lassen. Am besten sah es in Richtung Osten aus. Auf der Karte wurde eine Stelle ausgemacht, an der der nun anstehende Zug nach Randazzo mal kurzzeitig ins Licht kurven müsste. Die Stelle am östlichen Ortsrand von Rovittello erwies sich zwar nicht als Übermotiv, war aber dennoch ganz brauchbar.


Derselbe VT wie vorgestern erreicht gerade den Ort Rovittello.

Am Himmel war die Situation alles andere als stressfrei. Bei der Durchfahrt eben hatten wir großes Glück gehabt, dass das Licht im richtigen Moment voll aufgedreht war. Ohne großen Stress erwischten wir den TR 16 nochmal westlich Rovittello und westlich Moio.


Und nochmal hinter Rovittello...


...und hinter Moio. Meine Güte, waren das jetzt wirklich drei Sonnenbilder am Stück?

Da es wieder ein modernisierter VT gewesen war und wir befürchteten, dass dieser nach Kurzwende in Randazzo gleich wieder zurück käme, wollten wir schon auf die andere Seite von Randazzo wechseln, auch wenn die Wolkenlage hier östlich besser aussah. Zum Glück entschieden wir uns aber am östlichen Ortsrand den Zug nochmal zwecks Sichtkontrolle abzupassen, nicht dass man vielleicht durchgetauscht hätte und der Modernisierte uns gleich auf der Südbahn beglücken würde. Mit einem Foto rechneten wir nicht, da wir hier unter dickerem Gewölk standen. Allerdings war hier das bekannte Motiv mit der Casa Scala, die 1981 von einem Lavastrom zerstört worden war. Und als die Wolke mehr und mehr Risse bekam, stellten wir uns lieber mal bereit. Und siehe da! TR 17 war diesmal ein altgrüner VT und hatte im letzten Moment volle Ausleuchtung!


Ein unmodernisierter ABe passiert als treno 17 die Casa Scala am östlichen Ortsrand von Randazzo.

Wir fuhren mal voraus und erwischten die Fuhre nochmal westlich Moio. Danach war eigentlich geplant, ihn nochmal in der Umgebung des mitten in einem Lavafeld gelegenen Bf Cerro zu nehmen, doch vor uns war der Himmel dicht. Wir wendeten.


Und nochmal vor Moio.

Ab Passopisciaro nahmen wir eine Verbindungsstraße hoch zur "Etna Hochstraße". Na ja, so hoch ist die hier nun auch nicht mehr. Aber sie führt abseits aller Orte am höchsten durch die Lavalandschaft und erschließt viele Weinberge und -güter. Eine wunderbare Landschaft. Gern hätte man auch mal die leuchtenden Weinstöcke fotografiert, doch das Sonnenlicht schwächelte nun massivst rum und verschwand bald auf nimmer Wiedersehen.


Steinhäuser in Passopisciaro.

Unsere pessimistische Vorhersage war also eingetreten, der geplante Zug nach Catania war natürlich weg. Aber noch ist nicht aller Tage Abend! Es gibt ja noch mehr Züge, dann eben ohne Mittagessen in Catania. Yannick besorgte sich aus einem Supermarkt in Randazzo noch verschiedene Nahrungsmittel, dann zogen wir am Schalter die Fahrkarten. Hin und zurück für beide knapp unter 20€. Und wir wurden darauf hingewiesen, dass die Rückfahrt um 16.42 nicht nach Randazzo oder gar nicht fahren würde. Die Magnetkarten mussten auch noch in einen Entwerter gesteckt werden. Dem Geräusch nach hatten wir dummerweise den Schredder erwischt: Youtube.

Aber zum Glück spuckte das Dingen die Fahrkarten doch ganz wieder aus... Es war noch etwas Zeit. Einer der alten VTs stand bereit und wir konnten uns schöne Plätze aussuchen.


Für uns steht ein RALn64 zur Fahrt nach Catania bereit.

TR 24 Randazzo 12.33 - Catania Borgo 14.27

Die Fahrt war sehr interessant. Man sieht ja doch etwas mehr an Fotomöglichkeiten aus dem Zug, gerade wenn es so wie hier ist, dass die schönsten Abschnitte genau dort sind, wo die nächste Straße wirklich fern ist. Die Strecke führt immer wieder durch bizarre Lavafelder, an denen auch durch umliegende Felsen erhöhte Standpunkte möglich sind. Ich habe mir viele Stellen auf meiner OSMAND Karte notiert. Das ist das schöne an den elektronischen Karten: Die Markierungen verschwinden auch bei Aktualisierung der Karte nicht...

Vor einem machen die Züge der FCE ja wirklich nicht halt: Vor roten Signalen! Immer wieder fuhren wir an roten Signalen vorbei. In Bronte hielten wir nach Passieren des roten Esigs vor der Einfahrweiche, die dann auch noch umgestellt wurde. Das rote Signal als pure Empfehlung, langsam mal zum stehen zu kommen? Das Signalsystem scheint überhaupt recht neu zu sein. An vielen Bahnhöfen standen noch die alten Formeinfahrsignale funktionslos herum. Teilweise standen die Formsignale sogar auf Felsen, z.B. das südliche von Bronte oder das westliche im Lavabahnhof Cerro.

Richtig übel wurde die Fahrt ab Adrano. Der Tunnelbahnsteig war schwarz von Schülern! Wir glaubten kaum, dass die alle in unser Wägelchen hineinpassen würden. Hatten wir uns bis hier auf zwei der engen Vierergruppen verteilen können, fanden wir uns nun zu viert in einer Sitzgruppe wieder! Finde den Fehler: Die Städte Adrano, Biancavilla und Santa Maria di Licodia haben zusammen knapp 70tsd Einwohner und liegen im Einzugsbereich der 315tsd Einwohnerstadt Catania. Die Bahnstrecke, die mitten durch die Städte nach Catania führte, wurde einer Metro gleich mit mehreren Stationen je Stadt in den Tunnel verlegt. Bedient wird diese neue Anlage durch meist einteilige Dieseltriebwagen, die in unregelmäßigen Abständen von meist mehr als einer Stunde vorbeischauen. Sonntags herrscht Betriebsruhe. Na, Fehler gefunden?

Als Mitsponsor dieser wirklich aufwendigen Tunnelprojekte (die blaue EU-Plakette fehlte selbstverständlich auf keiner Station) habe ich ja gar nichts gegen diese baulichen Maßnahmen. Aber dann soll doch bitteschön das Zugangebot einer Metropolregion entsprechen!


Der Eingang zur Tunnelstation ist einer Metro würdig, nur die Rolltreppen blinken ihr Dauerrot vor sich hin... (Bild von Yannick)

In Catania Borgo endet die FCE. Früher ging sie mal auf der Straße weiter zum Staatsbahnhof. Heute steigt man hier in die Metro um. Das letzte Stück der Stadtdurchfahrt mitten durch die Häuserschluchten ist schon klasse. Die Metro soll weiter gebaut werden. Dann ist fraglich, ob dieser Abschnitt der FCE nicht vielleicht stillgelegt wird.


Züge im Bf Catania Borgo. Im Hintergrund...


...ist schön die enge Stadtdurchfahrt zu sehen.

Eigentlich hatten wir überlegt, ob man in Catania nicht noch mit der Metro fahren sollte. Doch wir wollten gern mit dem nächsten Zug um 15.12 wieder zurück, damit wir die schöne Strecke nicht im Dunkeln zurücklegen mussten. Und eine Dreiviertelstunde war uns für eine Bereisung der kurzen Metro Strecke dann doch etwas zu knapp. Lieber aßen wir jeder ein von Yannick liebevoll zusammengestelltes Pannino mit Schinken, Mozarella und eingelegten Tomaten und suchten uns bald einen vernünftigen Platz für die Rückfahrt, denn auch für zurück wurde trotz Berufsverkehrs nur wieder ein Einteiler, diesmal ein grüner, nicht modernisierter ADe, bereitgestellt.

TR 35 Catania Borgo 15.12 - Randazzo 17.01

Da die Haupt-Clientel der Bahn, die Schülerschaar, schon zuhause war, reichte der Einteiler einigermaßen aus. Wir konnten eine eigene Sitzgruppe bewahren und uns sogar auf zwei verteilen, als der VT oben in den Tunnelstädten merklich leerer wurde. Es folgte eine angenehme Fahrt in den Abend hinein. Allerdings war man am Ende schon froh, dass man den Zug verlassen konnte. Vier Stunden in diesen unmodernisierten Teilen reichten definitiv! Aber wir waren froh, die Strecke mal bereist zu haben.

Eine kleine Übersicht über den Fahrzeugeinsatz, mit * gekennzeichnete Züge hatten wir auch an anderen Tagen so gesehen: Als Vulcano haben wir die Züge TR 21* und TR 29 Catania - Randazzo sowie TR 30 Randazzo - Catania gesehen. Der Vulcano aus Zug 29 stand bei unserer Ankunft abgestellt in Randazzo. Die zwei anderen Vulcanos standen abgestellt im Bw in Borgo. Das Zugpaar 23* und 34 bestand aus einem Zweiteiler. Im Pendel nach Paternò gab es auch einen Dreiteiler mit Mittelwagen (31 und 38), ansonsten sahen wir nur Einteiler. Die "halbneuen" VTs der Reihe ADe 21 scheinen ebenfalls nur zwischen Catania und Paternò zu pendeln. Auch auf Fotos sieht man die eigentlich nie weiter oben.

Von einem Marktstand nahmen wir noch paar Orangen mit, dann ging es hoch nach Santa Domenica Vittoria. In den Serpentinen oberhalb von Randazzo veranlasste uns allerdings nochmal der phantastische Ausblick auf die Nebel umwaberte Stadt, die Kamera herauszuholen. Die zu verwendenden ISO Zahlen waren zwar jenseits von gut und böse, aber, wie sagt doch der Sizilianer? Wat mutt, dat mutt. Genau!


Wir blicken jetzt nicht in den Krater des in Kürze ausbrechenden Etnas, sondern...


...nur auf die nebelverhangene Stadt Randazzo.

Wir freuten uns auf einen gemütlichen Abend auf dem Zimmer. Als wir uns beim Einbiegen auf den Parkplatz plötzlich mindestens vier dicken, fetten Offroad Jeeps gegenüber sahen, dachten wir uns auch noch nicht ganz so viel dabei. Doch die Leute, die diese Jeeps hergebracht hatten, waren um unser Zimmer herum verteilt und benahmen sich schlimmer als Kinder in der Jugendherberge. Mit lautem Gebrüll und Gekreische (ja, Frauen waren auch dabei) wurde laut über den Flur hallend zwischen den Zimmern kommuniziert, und nebenan wurden anscheinend maschinell irgendwelche Autoteile bearbeitet. Oh Mann, ich will nach hause!

Beim Abendessen im Restaurant fiel das Volk dann ebenfalls durch gelegentliche Lautstärkeausbrüche auf, aber wir konnten uns ziemlich auf Abstand hinsetzen. Wir nahmen heute mal ein Nudelgericht und hinterher Koteletts vom Grill. Zum Glück wünschte sich die Gruppe nach dem Essen gegenseitig Gute Nacht, und es wurde ruhiger. Wobei das Haus insgesamt sehr hellhörig war. Unter uns in der Gaststube wurden noch fleißig Tische gerückt...

Freitag, 18.11.2016

Heute Morgen wurde ich vom Geschrei der Esel vorm Haus geweckt. Das fand ich jedenfalls netter als vom Gepolter und Geschrei der Nachbarn geweckt zu werden. Die ließen allerdings auch nicht lange auf sich warten. Uns wars bald egal... Wir frühstückten in Ruhe um 8, verabschiedeten uns von den wirklich netten und aufmerksamen Wirtsleuten und fuhren dann mal los. Unser Plan sah vor, bei Chance auf Sonne paar Fotos in der Region um Bronte zu machen, möglichst in den Lavafeldern. Als Schlechtwetterprogramm wäre eine Zugfahrt nach Riposto und zurück genauso vorstellbar gewesen wie eine Fahrt auf der Etna Hochstraße.

Bei Abfahrt zeigten sich blaue Stellen am Himmel. Da bis zum angepeilten Zug nach Riposto eh noch viel Zeit war, wollten wir erstmal über den "Pass" schauen, wie es drüben in Bronte aussah. Bei der Durchfahrt durch Randazzo und später auch in Bronte waren wir wieder mal überrascht, wie flüssig doch der Verkehr durch diese engen italienischen Städte läuft. Chaotisch, aber flüssig. Einer passt auf den anderen auf. Aber erkennbare Lücken werden sofort genutzt!

Leider hatten wir dann auf der Landstraße in der Steigung hinter Randazzo einen LKW im Kriechgang vor uns. Die Wolkenlage motivierte uns nun auch nicht gerade zu waghalsigen Überholmanövern über durchgezogene Mittellinien (andere gibt es hier eh kaum). Irgendwann kamen wir doch dran vorbei. Aber als wir die Hänge oberhalb von Maletto erreichten, war es 9.31. Der Zug sollte 9.33 in Maletto abfahren, aber da der Zug von Catania kam, musste er vor dem Halt in Maletto bei uns vorbei. Zu einem Viadukt über die Wiesen vorzulaufen, wäre nie was geworden. Stück weiter entdeckten wir aber einen tollen Blick fast von der Landstraße. Die Sonne schien gerade! Auch wenn wir nicht ernsthaft damit rechneten, dass der Zug noch käme, warteten wir einfach mal. Als die vereinbarten fünf Minuten Wartezeit vorbei waren, meinte ich gaaanz in der Ferne den typischen heiseren Pfiff der FCE zu hören, den sogar die neuen Vulcanos von sich geben. Nix tat sich. Yannick hatte nichts gehört und meinte, ich hätte Gänse gehört. Ich hörte den Pfiff nochmal, kaum näher. Yannick verstand nicht, weshalb ich ausharrte. Und es tat sich nix. Dann irgendwann, als ich selbst fast schon an Gänse glaubte, hörten wir den Pfiff beide - und näher. Der verspätete TR 11 ging bei Sonne!


Zug 11 hat mit einiger Verspätung den 1020m hohen Passtunnel durchfahren. Von nun an geht's bergab - kurz vor Maletto.

Irgendwie bildete sich in der Region um Bronte nun eine größere blaue Zone am Himmel aus. Wir hatten nur noch nicht ganz herausbekommen, für welchen Streckenabschnitt sie zuständig sei. Erst schauten wir am Lavafeld unterhalb der Stadt, doch da sah es aussichtslos aus. Dann wieder durch die ganze Stadt hoch, doch in der "Flüchtlingssiedlung", dieser uniformen Wohnsiedlung beim oberen Lavafeld, sah es nicht besser aus. Und oben am "Malettopass" war plötzlich dicker Nebel! Na sowas! Durch den Nebel hindurch sah man aber etwas weiter südlich strahlende Helligkeit. Das wäre ja doch das obere Lavafeld von Bronte. Wir steuerten einfach den vom Dienstag schon bekannten BÜ "beim friedlichen Hund" an.

Motivtechnisch war es schwierig. Man hätte wohl auf das Grundstück vom friedlichen Hund reinlaufen müssen, dann wäre was gegangen. Der Hund war sicher nicht das Problem. Nach einem kurzen Wuff schaute er uns schwanzwedelnd durch das Tor zu. Habe ich gerade "Tor" gesagt? Richtig, wir hatten sehr wohl ein Problem. Das Grundstück war hermetisch abgeriegelt, da war nichts zu wollen. In die andere Richtung führte die Bahn kurvig durch einen Basalt Steinbruch. Der Teil des Steinbruchs auf unserer Seite der Bahn war allerdings verwaist, aber gut durch Pisten erschlossen. Wir erklommen einen übrig gelassenen Lavafelsen und harrten der Dinge, die da kommen mochten.

Drüben auf der anderen Seite des Gleises waren zwei Leute im Steinbruch beschäftigt. Der eine bearbeitete mit seinem Bagger das Gestein, der andere schien die Aufsicht zu führen. Der kam dann auch mal auf unserer Höhe an den Bahndamm gefahren, störte sich aber nicht weiter an uns. Der Himmel hielt ein ziemliches Wechselspiel für uns bereit. Mal Sonnenschein, dann aber auch wieder größere Wolkenfelder. Ob zur Planzeit Sonne gewesen wäre, kann ich nichtmal genau sagen. Aber das war auch absolut irrelevant, da kein Zug kam. Er kam einfach nicht. Und der in Bronte kreuzende Zug aufwärts ließ auch auf sich warten. Yannick meinte, da ist bestimmt irgendwo ein Zug aus der Kurve geflogen, so wie die hier rasen. Meine Vermutung war nicht ganz so spektakulär, vielleicht ein BÜ Unfall. Mit rund 15 Min Verspätung tauchte dann aber wenigstens der Aufwärtsfahrer noch auf. Leider bei Wolke. Der Abwärtsfahrer blieb verschollen...


Der neunzehnte Triebwagen mag uns... Zum dritten Mal begegnen wir ihm auf Strecke. Diesmal hat er sich über die Rundkehren oberhalb Brontes in die Höhe gearbeitet und rollt durch das obere Lavafeld.

Wir warteten noch etwas in schönster Sonne, doch bald konnten wir gehen. Das großflächige Blau brach schon wieder zusammen und machte geschlossener Bewölkung platz. Wir schauten uns noch kurz den Ortsblick Maletto an (auch seeehr seehr geil!) und leiteten dann über in eine Fahrt auf der Etna Hochstraße. Bevor es allerdings so richtig in die Wicken ging, suchten wir noch eben unseren Obst- und Feinkostladen am Bahnhof von Linguaglossa auf. Die hatten wirklich die allersüßesten Orangen und die besten eingelegten Tomaten und den leckersten Schinken!

Nun ging es die eigentliche Hochstraße "Etna Nord" hinan. Hier verließ die Straße die Weingüter und zog sich über zig Windungen durch schöne Waldgebiete in die Höhe. Viel Aussicht herrschte da nicht gerade. Eher gar keine. Das änderte sich weiter oben, wo man immer wieder auf Lavazungen stieß, die für eine Unterbrechung der Wälder sorgten.


Unser Leihwagen im schwarzen Geröll einer Lavazunge.

Die Stichstraße zur Touristation Etna Nord ließen wir rechts liegen. Statt dessen hielten wir an einer Stichstraße, die in die Nähe einiger Krater aus dem 19.Jh entlang führte. Die Krater um den bis zu 1768m hohen Monte Sartorius waren gut durch tiefschwarze Wanderwege erschlossen. Wir hatten die Gelegenheit, in zwei Krater hinab zu schauen. Das Ganze hatte etwas mystisches, da nun plötzlich Nebel aufzog und uns immer mehr einhüllte.


Außer uns stapfte dort nur eine andere Gruppe herum.


Blick zum höchsten Krater des Monte Sartorius...


...und vom Kraterrand in denselben hinein.


Es lebt im Krater! Es ist ein Yannick ;-)

Der Etna besteht also nicht nur aus dem Hauptkrater, sondern aus zahlreichen kleinen Nebenkratern an den Hängen. Jeder Ausbruch bildet neue Krater, wobei der Etna wohl auch bekannt für seine Spaltenbildung ist, aus der dann die Lava ausfließt.

Das in Linguaglossa besorgte Picknick gab es auf einem kleinen Parkplatz an der Straße. Für eine halbe Stunde kam kein einziges Auto vorbei. Ich konnte die absolute Stille genießen, während Yannick sich um die Zubereitung der Pannini kümmerte.

Die Nord-Hochstraße brachte uns nach Fornazzo in die Zivilisation zurück. Dort unten bei den Menschen wollten wir aber nicht lange bleiben. In Zafferana Etnea tankte ich sicherheitshalber für 10 €. Das war zwar definitiv nicht nötig, aber es ist doch beruhigender, wenn sich die Tankanzeige nicht auf der Bergfahrt in die Wildnis berufen fühlen muss, die Reservezeit einzuläuten.

Steil ging es nun die Hochstraße Etna Sud hinan. Hier herrschte zumindest bis zur Touristenstation oben auf knapp 2000m Höhe kein Nebel, so dass man wenigstens etwas sah. Die Landschaft war eindrucksvoll. Weniger Wald, viel mehr Lavafläche. Der wenige Wald war knallbunt gefärbt! Und eindrucksvoll war auch, auf dem Riesenparkplatz dort oben das einzige Auto zu sein. Wir hatten definitiv nicht die falsche Jahreszeit erwischt, sondern "nur" das falsche Wetter...


Blick auf Zafferana Etnea.


Unser Auto ganz allein auf dem riesigen Touriparkplatz Etna Sud.

Höher gelangt man mit dem Auto nun nicht. Wer weiter zum Hauptgipfelkrater möchte, muss ab hier die Seilbahn nehmen (parallel gibt es übrigens auch Skilifte!) und von der Bergstation mit Geländebussen weiter. Die Seilbahn fuhr tatsächlich, aber sie führte geradewegs in die Wolken hinein.

Gegen 16 Uhr machten wir uns auf den Weg in die Zivilisation zurück. Steil bergab durch meist offene Lava Landschaft gelangten wir nach Belpasso. Hier hatte das Vergnügen ein Ende und der Verkehr begann wieder. Und zwar so richtig. Im langsamen Tross hinter abwärts bremsenden LKWs gelangten wir bei Piano Tavola auf die Schnellstraße. An selbiger konnten wir noch "günstig" für 1,27 volltanken (in Italien ist der Sprit noch ca 20 Ct teurer als in Dtl!) und gelangten zügig weiter zu unserem Hotel "Parco Degli Aragonesi" in Catania zwischen Flughafen und Strand. Wir hatten uns zum Abschluss mal etwas teureres geleistet, 50€ pro Person. Und das Zimmer enttäuschte wirklich nicht, das war eine andere Liga als die bisherigen "Läden".

Etwas schade war höchstens, dass das Hotelrestaurant heute nicht geöffnet hatte. Deshalb fuhren wir nochmal los, um in Catania etwas Essen und Wein zu besorgen. Zuerst gelangten wir am großen Kreisverkehr allerdings auf die falsche Spur und landeten im Hafenbereich auf Spuren für eincheckende LKWs. Schnell gedreht und entgegen der Fahrtrichtung zurück, was ein LKW Fahrer nun nicht so lustig fand *g*. Dann standen wir etwas im Stau an der Hafenkante und kamen nicht nach links rüber in die Stadt hinein. Als wir das dann doch endlich geschafft hatten, befanden wir uns in einem herrlich authentischen Quarier mit engen Straßen und hohen, finsteren Hausfassaden. Die wenigen Lichter reflektierten auf der Straße, denn es goss in Strömen. Otto Normaltourist würde sich vermutlich nicht in diese Gassen wagen...


Yannick dokumentierte die Via Grimaldi vom Beifahrersitz aus. Catania gilt als "Mafia frei". Aber wer weiß, was hinter diesen Toren alles passiert?...

Durch die engen Gassen landeten wir auf der für eine zweispurige Straße auch sehr engen Via Plebiscito. Dort entdeckten wir einen offensichtlich familiär geführten Lebensmittelladen, wo wir alles Benötigte bekamen. Der sizilianische Landwein für 3,30 die 1,5l Flasche sollte sich als der beste probierte Wein Siziliens erweisen. Ich mag halt gern leichtere Weine. Dazu Kartoffelpizza, die für mich in den Ofen geschoben wurde.

Über ähnlich abenteuerliche Straßen gelangten wir nun wieder aus der Stadt hinaus. An den zahlreichen Kreuzungen dieses Netzes aus Einbahnstraßen musste man sich vorsichtig rantasten. Keine Verkehrsschilder, kein Rechts vor Links, man lässt vor oder man wird vorgelassen. Es kann alles so einfach sein... Dann ging es eben noch am Flughafen vorbei. Wir hatten gelesen, dass die Autovermietung erst um 8 aufmacht. Das wäre bissle knapp geworden. Doch ein Herr von Avis versicherte mir, dass man jederzeit auf den Platz käme und den Schlüssel einwerfen könne, dass man aber schon ab 7 dort sei. Dann wussten wir das jetzt also auch...

Zurück im Hotel genossen wir unser ruhiges Zimmer und verbrachten einen schönen Hüttenabend mit Wein.

Samstag, 19.11.2016

Die Investition in dieses noble Hotel hat sich jedenfalls gelohnt. Nach den anderthalb Litern Wein haben wir wunderprächtig geschlafen. Aber nicht nur wegen des Weins ;-) Leider verzichteten wir lieber mal auf das um 7 beginnende Frühstücksbuffet. Abflug war für 8.50 geplant, und wir wussten nicht, wie stark der Verkehr wäre und wie weit man vom Mietwagen Parkplatz zum Terminal zu laufen hatte.

Im Nachhinein hätten wir gut noch 20 Min dem Frühstücksbuffet frönen können, aber weiß man's denn? Auf den Straßen herrschte am Samstag Morgen quasi null Verkehr. Der heftig strömende Regen hörte auch direkt nach Ankunft am Parkplatz auf. Einen AVIS Mitarbeiter sahen wir nicht. Wir schmissen einfach den Schlüssel ein. Nunmehr entgegen unserer Befürchtung trockenen Fußes gelangten wir an den miesen Straßen, auf denen das Wasser stand, zum Terminalgebäude. Immerhin wurden wir nicht nass gespritzt; Pfützen wären genug da gewesen. Während in den von uns bereisten Ländern des Balkans die Straßen-Infrastruktur völlig runderneuert wird, scheint es in Italien einen massiven Instandhaltungsrückstau zu geben.

Beim Einchecken kamen wir sofort dran und die Sicherheitskontrolle verlief vollkommen desinteressiert. So hatten wir bis zum Boarding tatsächlich noch eine halbe Stunde Zeit, die wir für schlechte Panini und gute Cappuchini nutzten.

AB 8791 Catania 8.50 - München 11.00

Beim gestrigen Check in hatte ich gesehen, dass rings um uns schon alle Plätze komplett vergeben waren. Das sah übel nach Gruppe aus! Aber letztendlich waren es dann doch normale Einzelreisende. Alles war ruhig, alles prima. Ich konnte ein wenig die Augen schließen. Wir hofften, dass wir nach dem Start den Etna aus den Wolken ragen sehen würden. Einmal wollten wir einen Blick auf den Gipfelkrater werfen. Aber die Wolken waren einfach zu hoch. Da war nichts zu sehen. Überhaupt gab es unten nicht wirklich was zu sehen. Selbst die Alpen blieben vollkommen den Blicken verborgen. In München bekamen wir schön zügig unser Gepäck und erreichten gut die S1.


Hier könnte er sein, der unsichtbare Berg. Aber er blieb auch zum Abschied unsichtbar.

S1 München Flughafen 11.33 - München Hbf 12.17

Vor der Donnersberger Brücke setzte dann auch die Fahrgastinformation ein und kündigte die nächste Haltestelle "Flughafen Besucherpark" an. Endlich wieder DB. Ich sag' da nichts mehr zu... Am Hbf Mc Donalds gesucht (wollte Yannick gern hin...), Burger King gefunden (den kenn ich noch aus Tramperticket Zeiten *seufz*). Schnell zwei Whopper reingezogen, dann dachte ich, dass ich zum Zug müsste und lief nach Verabschiedung mal langsam los.

ICE 586 München Hbf 12.55+15 - Hamburg-Harburg 18.42+4

Der Lokführer hatte wohl denselben Gedanken, dass er mal zum Zug müsse. Das war für ihn allerdings nicht ganz so einfach, weil er noch mit seiner Vorleistung im Zulauf auf München war (oder vielleicht nach verspäteter Vorleistung seine vorgeschriebene Pause zuende nehmen musste, das weiß ich nicht...). Jedenfalls war Aktion Planstart dann schnell obsolet. Zwölf Minuten nach Planabfahrt hetzte ein älterer Herr in Lokführerdress den Bahnsteig entlang nach vorn und nur drei Minuten später hatte er die Karre in Bewegung gesetzt.

Zum Glück war der Zug nicht wirklich voll. Nur eine alte Schachtel hörbar österreichischer Herkunft mit furchtbar lauter, durchdringender Stimme, die ihren Sitznachbarn lauthals über seine Familienverhältnisse ausfragte, nervte etwas und trieb mich ziemlich bald zwischen die Kopfhörer. Ansonsten war das eine super angenehme Fahrt. Ich konnte den Reisebericht schon mal vervollständigen und dank funktionierendem WLAN schon mal verschiedene offene Punkte recherchieren.

Fazit

Fototechnisch war die Tour ja nun ein ziemlicher Griff ins Klo, das dürfte deutlich geworden sein, oder? ;-) Aber trotzdem war es ein toller, erlebnisreicher Urlaub. Dazu hat jedenfalls die DSO Tour maßgeblich beigetragen - eine tolle Institution! Herzlichen Dank an Martin und Erik für die Organisation! Für uns kamen mit Milano und der vermutlich längsten Nachtzugfahrt, die im westlichen Europa noch möglich ist, weitere Erlebnisse hinzu, die wir nicht missen mochten. Eindrucksvoll - das war die Tour jedenfalls. Wir haben den Etna Gipfel zwar nicht gesehen, aber die Nebeltour am letzten Tag bleibt definitiv im Gedächtnis. Oder ganz zum Schluss die Fahrt durch die finsteren Gassen von Catania in strömendem Regen!

Wir haben eine wunderschöne Insel kennengelernt! Sizilien ist einfach nett, besitzt so richtig das, was ich immer als "südländische Märchenlandschaft" bezeichne. Und die FCE ist wirklich eine wunderschöne Eisenbahn, die sich in diese Märchenlandschaft richtig schnuckelig einfügt. Ich fürchte, das war nicht unser letzter Besuch auf der Insel...

Ach ja, bevor ich es vergesse: Kroatien führt bei der Pizza weiterhin - dicht gefolgt von meinem Pizza-Lieferanten in Harburg. Und das ist schön, man muss sich ja auch auf zuhause freuen können ;-) Von Pizza abgesehen haben wir in Sizilien ja leider nur zweimal etwas Warmes zu essen bekommen *mimimi*. Das war ok, aber auch hier führen Kroatien oder vor allem Griechenland. Aber der Punkt für kalte Vorspeisenplatten geht definitiv nach Sizilien - was kann man sich da durchschlemmen! Jedenfalls, wenn man so einen authentischen Gemüse-, Obst- und Feinkosthändler findet, wie den am Bf von Linguaglossa.

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